Edward Rutherfurd: Paris. Roman einer Stadt

Edward Rutherfurd: Paris. Roman einer Stadt

Mehr als 900 dicht bedruckte Seiten: Edward Rutherfurds Paris. Roman einer Stadt ist wahrhaftig ein monumentales Epos, das dem Leser etwas Sitzfleisch abverlangt. Nicht selten haben Bücher von einem solchen Umfang ermüdende Längen. Bei Rutherfurd verhält es sich allerdings anders:  Seine Biographie der so geschichtsträchtigen Metropole erfordert diesen Umfang. Der Leser hat mit diesem Buch nicht nur ein Werk über die Stadtgeschichte von Paris in der Hand, sondern im Prinzip einen historischen Abriss über Frankreich als solchen. Denn in einem derart zentralistischen Staat, das wird bei der Lektüre immer wieder deutlich, ist die Geschichte der Hauptstadt mit den Geschicken des Landes gleichbedeutend.

Die Geschichte der Stadt an der Seine erzählt Rutherfurd, indem er fünf Familien über die Generationen hinweg begleitet:  das Adelsgeschlecht de Cygne, die Kaufmanns-Familie Blanchard, die sozialistischen Le Sourds, den Handwerker Thomas Gascon und seine Bruder Luc. Auch die jüdische Händlerfamilie Jakob nimmt eine zentrale Rolle in dem Epos ein. Gekonnt verwebt der Autor die Geschicke der Familien miteinander: In Paris kreuzen sich die Wege der Protagonisten im Lauf der Zeit immer wieder und bilden so den roten Faden der Geschichte.

Rutherfurd springt munter zwischen Zeiten und Dynastie hin und her. Auf ein Kapitel, das im 19. Jahrhundert spielt, folgen Seiten, die im Mittelalter angesiedelt sind etc. Um hier nicht den Überblick zu verlieren, ist dem Buch ein Stammbaum vorangestellt. Die vielen Sprünge sind m.E. allerdings nicht allzu verwirrend und nachvollziehbar. Es hilft aber, das Buch in relativ kurzer Zeit zu lesen und so die Namen und Querverbindungen im Gedächtnis zu behalten.

Wer an die Geschichte von Paris denkt, dem kommen unweigerlich eine Reihe epochaler Ereignisse in den Sinn. Bereits vor dem Aufschlagen der ersten Seite erwartet man, dass bestimmte schicksalhafte Weichenstellungen erwähnt thematisiert werden. Der Bau des Eiffelturms, die Dreyfus-Affäre und die Bartholomäusnächt sind nur wenige Begebenheiten, die eine Rolle spielen müssen und dieser Erwartungshaltung kommt der Autor auch nach. Umso überraschender ist, dass er keinen seiner Protagonisten beim pris de la bastille dabei sein lässt. Die Französische Revolution thematisiert der Autor im Vergleich zur weltgeschichtlichen Bedeutung relativ knapp zur Zeit der Jakobiner-Herrschaft.

Rutherfurd gelingt es auf 900 Seiten mit einer in sich stimmigen Geschichte zu fesseln. Zwar erschien Paris nicht immer so plastisch dem inneren Auge, wie man sich es vielleicht vorgestellt hatte, aber das Lesevergnügen bleibt davon ungetrübt.

Verlag: Heyne
Erscheinungsjahr:
2016
ISBN: 978-3-453-41917-9
Preis: Paperback 14,99 €

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