Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken

Ayelet Gundar-Goshen: Löwen wecken

Ein Neurochirug überfährt einen illegalen Einwanderer und flieht vom Ort des Geschehens. Ayelet Gundar-Goshens Roman könnte in vielen Ländern spielen und ist in Zeiten verstärkter Migrationsbewegungen besonders aktuell. Die isrealische Autorin wählt als Schauplatz ihr Heimatland. Löwen wecken spielt in Beer Scheva, der Hauptstadt der Negev-Wüste. Das 2016 bei Kein & Aber auf deutsch erschienene Werk verbindet gekonnt die Lebenswelten von Menschen miteinander, die sich normalerweise kaum berühren: isrealisches Bürgertum, arabische Beduinen und eritreerische Flüchtlinge.

Als festangestellter Arzt im Krankenhaus ist Etan Grien wohlsituiert und führt ein bürgerliches Leben mit seiner Frau Liat, die als Kriminalkommissarin arbeitet. Gemeinsam haben sie zwei Kinder. Trotzdem ist er frustriert und kompensiert seine Unzufriedenheit, indem er nachts mit seinem Jeep durch die Wüste rast. Dabei überfährt er einen Flüchtling aus Eritrea. Um seine Karriere nicht zu gefährden und weil er zu dem Entschluss kommt, dass dem Mann ohnehin nicht mehr zu helfen wäre, begeht er Fahrerflucht. Allerdings macht ihn Sirkit, die Frau des Opfers, ausfindig. Sie erpresst ihn, andere Flüchtlinge in einer abgelegenen Garage zu behandeln. Während es sich anfangs noch um überschaubare Verletzungen handelt, werden die Eingriffe mit der Zeit immer anspruchsvoller und risikoreicher. Etan klaut Medikamente und Geräte, um das geheime Krankenhaus zu unterhalten und setzt seine berufliche Existenz zunehmend aufs Spiel. Nacht für Nacht schlägt er sich als Flüchtlings-Arzt um die Ohren, während die Beziehung zu Liat immer mehr in die Brüche geht.

ruckseiteWas den Roman so lesenswert macht ist nicht nur eine Geschichte, die sich immer wieder anders entwickelt als man es anfangs erwartet, sondern auch die drei Hauptcharaktere, die Gundar-Goshen zeichnet. Sie leuchtet das Seelenleben von Etan, Liat und Sirkit tief aus und zeichnet sehr interessante und ambivalente Figuren. Keiner diese drei Akteure ist moralisch gut oder böse, sie alle bewegen sich im Graubereich dazwischen.

Gleich zu Beginn des Werkes macht Gundar-Goshen deutlich, dass auch Etan einem moralischen Kompass folgt, der allerdings immer dann versagt, wenn er eine Verschlechterung seiner Lage befürchten muss. Als er in Erfahrung bringt, dass sein ehemaliger Mentor Gelder veruntreut hat, scheut er sich davor den Skandal öffentlich zu machen. Wie bei der Fahrerflucht kann sich sein Wunsch das moralisch Richtige zu tun nicht gegen seinen Opportunismus durchsetzen.

Sirkit, die Eritreerin, dessen Mann er totgefahren hat, bleibt eine der rätselhaftesten Figur in dem Buch.  Durch sie kommt Etan mit einer Welt in Berührung, die ihm bis dato vollkommen fremd, ja sogar unbekannt war. Seine Frau Liat ist als Ermittlerin mit der Fahrerflucht betraut, nichtsahnend dass ihr eigener Mann der gesuchte Täter ist. Gundar-Goshen verdeutlicht, wie Liat fortlaufend mit Chauvinismus in den Reihen der Polizei konfrontiert ist. Sie wird als durchaus reflektierte Frau gezeichnet, die allerdings ihrem Mann zum Opportunismus riet, als er sie fragte, was er denn nun machen solle, mit seinem Wissen um die Veruntreuung von Geldern.

Verbissen kämpft Liat dafür die Fahrerflucht aufzuklären, allen internen Widerständen zum Trotz. Denn einen getöteten Eritreer messen die Behörden nur eine untergeordnete Bedeutung bei. Politisch versucht sie vorurteilsfrei zu bleiben, aber es gelingt ihr nicht.

Sie ist anders. Aber schließlich und endlich würde sie kein Schwimmbad besuchen, in dem es von Arabern wimmelt, obwohl sie in die Luft gehen würde, wollte jemand ein Schild anbringen, dass ihnen den Zugang versagt. Das ist es ja: ausrasten, wenn jemand Araber diskriminiert oder wenn im Nationalpark Sachne ein Handgemenge auf rassistischer Basis ausbricht. Aber wissen, du selbst würdest im Leben nicht in den Sachne-Park fahren, denn du verbringst deinen Urlaub im Nobelhotel Meeresblick (…). Und dort gibt es keine Araber und keine Zuhältertypen, alle in schönen weißen Bademänteln mit Lavendelduft.“

Die rassistischen Stereotype, wie sie hier beschrieben werden – Liat steht hier wohl exemplarisch –, sind im Prinzip in den meisten Gesellschaften in dieser oder ähnlicher Form vorhanden. Die Autorin enttarnt diese Klischees aber gnadenlos und macht damit das Buch auch politisch ungeheuer wertvoll.

Das Buch lädt dazu ein, die eigenen Stereotypen zu hinterfragen und sich zu überlegen, wie man selbst an der Stelle der Protagonisten handeln würden. Löwen wecken ist ein spannendes und hochaktuelles Buch, das nicht immer einfach zu lesen, die Mühe aber auf jeden Fall wert ist.

Verlag: Kein & Aber
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-3-0369-5940-5
Preis: Taschenbuch 13,00 €

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s