Philipp Blom: Böse Philosophen

Philipp Blom: Böse Philosophen
Die französische Aufklärung ist dem deutschen Schriftsteller und Historiker Philipp Blom ein ganz besonderes Anliegen. Nachdem er bereits 2005 Das vernünftige Ungeheuer bei Eichborn veröffentlicht hatte, in dem er über die Entstehungsgeschichte der Encyclopédie schrieb, folgte 2011 sein Werk über Böse Philosophen. Ein Salon in Paris und das vergessene Erbe der Aufklärung. Damit erinnert er an das Denken und die Leistung insbesondere Denis Diderots und Baron d’Holbachs. Ihm gelingt es kurzweilig die wesentlichen Grundgedanken der Aufklärung (wenn man überhaupt von der Aufklärung als einer kohärenten Bewegung sprechen will) zu skizzieren und vor allem die Zeit der philosophischen Salons in Paris lebendig werden zu lassen. Offenkundig wird seine nicht zu übersehende Schwäche und Sympathie für die beiden Autoren, wodurch die Ausgenwogenheit der Darstellung etwas leidet.


Im Paris des Ancien Régime waren die philosophischen Salons eine feste Institution für einen Kreis progressiver Intellektueller. In dem geschützten Raum konnten die gewagtesten Thesen aufgestellt und diskutiert werden, für die man ansonsten in den Kerker geworfen wäre. Während sich die Aufklärung im liberaleren Klima Preußens und Englands versöhnlicher gestaltete, wurden die französischen Denker in die Radikalität getrieben. Die Kritik, die bei Wein und opulenten Mahlen geäußert wurde, richtete sich insbesondere gegen das dogmatische Christentum. Demokratische Ordnungen und die Abschaffung der Monarchie waren in den 1750er Jahren noch keine ernsthaften Forderungen. In Grundzügen skizziert Blom wie die philosophes ihr geistiges Fundament auf Spinoza errichtet haben und erläutert die wesentlichen Inhalte von den Schriften d’Holbachs, Diderots, la Mettrie, Helvétius etc. Dabei macht er deutlich, wie schwer ein Teil der Autoren mit sich gerungen hat, die Existenz Gottes zu negieren und wie heterogen eigentlich die Aufklärung gerade in dieser Frage war.
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Baron d’Holbach

Bei Blom stehen neben dem Denken auch die Charaktere im Blickpunkt. Entsprechend menschlich ist das Leben und Treiben. Es geht um Eitelkeiten und Rivalitäten, um Affären und geheime Liebschaften, um verletzten Stolz und Arroganz. Das Profane und Banale bildet einen unterhaltsamen Kontrast zum hehren Denken.

Wenn von persönlichen Eitelkeiten die Rede ist, müssen wir auch von Jean-Jacques Rousseau sprechen. Trotz seiner vielen psychologischen Auffälligkeiten – von pathologischer Paranoia über exhibitionistische Neigungen bis hin zu seiner Marotte seine deutlich ältere Geliebte „maman“ zu nennen – prägt er uns mit dem Konzept der Volkssouveränität und der Zivilreligion (z.B. USA) bis heute.

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Denis Diderot

Diese Leistung kommt bei Blom leider viel zu kurz und Rousseau insgesamt viel zu schlecht weg. Ihn als destruktiven Antipoden der Aufklärung zu beschreiben, wird seiner Bedeutung und seinen Ideen nicht gerecht. Gleiches gilt für Voltaire. Sicherlich war dieser eitel genug, um peinlich darauf zu achten, auch weiterhin als führender Kopf der Aufklärung wahrgenommen zu werden, aber sein intellektueller Wert ist weit höher als ihm Blom zugesteht. Bereits die literarische Qualität des Candide, seines vielleicht populärsten Werkes, übersteigt Diderots Epos über sprechende Vaginas („Les bijoux indiscrets„, dt. „Die indiskreten Kleinode“) doch bei weitem.

Kritisch ist anzumerken, dass die Ideen der Aufklärung in etwas zu schönem Licht dargestellt werden. Die Philosophen jener Zeit sind von einem unbedingten Fortschrittsglauben durchdrungen, dem man leicht verfällt, wenn man die Primärtexte aufschlägt. Tenor: Nachdem man das dunkle Mittelalter verlassen hat, folgt jetzt der „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (Kant) und die große Erleuchtung (man beachte nur die Lichtmetaphern, die im Deutschen leider verloren gegangen ist: les lumières, enlightement, illuminismo). Die unglaubliche Hybris, welche die Schriften jener Zeiten durchdringt, sollte aber zumindest angesprochen werden. Denn ein übersteigerter Erlösungsglaube –  wie die Geschichte leidvoll belegt – hat letztlich immer auch eine sehr häßliche Seite. Rousseaus Kritik, die von Blom nicht ernsthaft zur Kenntnis genommen wird, dass die Kritiker des Dogmatischen nämlich selbst dogmatisch geworden sind, hat also einen durchaus wahren Kern.

Wer sich für die französische Aufklärung interessiert und einen verständlichen Überblick über die wichtigsten Protagonisten und ihrer Denker erhalten will, ist mit Böse Philosophen gut beraten. Auch ohne weitere Kenntnisse  des politischen und philosophischen Kontextes lässt sich dem Buch mit etwas Konzentration gut folgen. Schade ist die etwas einseitige Darstellung, die Rousseau und Voltaire nicht annähernd gerecht wird.

 

Verlag: dtv
ISBN: 342 334 755 4
Preis: 12,90 € (Taschenbuchausgabe 2013)

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