François Roux: Die Summe unseres Glücks

François Roux: Die Summe unseres Glücks

Es gibt Bücher, die kauft man aus einem unbestimmten Bauchgefühl heraus: nach einem flüchtigen Blick auf das Cover und ohne den Klappentext aufmerksam durchgelesen zu haben. Für mich war Die Summe unseres Glücks von François Roux ein solches Buch. In diesem Fall war es goldrichtig auf meine Intuition zu vertrauen, denn der 2016 bei Piper erschienene Roman ist ein meisterhaftes Portrait der Generation Mitterand, das beileibe nicht nur für die französische Gesellschaft Aussagekraft besitzt.

Die Geschichte setzt 1981 mit der Wahl François Mitterands zum ersten sozialistischen Präsidenten Frankreichs ein. Der politische Richtungswechsel geht mit einer Aufbruchsstimmung in der französischen Gesellschaft einher, die Nation hofft auf eine friedliche und sozial gerechtere Zukunft. In dieser Phase des vermeintlichen gesellschaftlichen und politischen Umbruchs, lernen wir die vier Freunde Rodolphe, Tanguy, Benoît und Paul kennen, die in der Bretagne ihr Abitur machen. Wie alle Jugendliche haben sie große Träume, Wünsche und Hoffnungen, wie alle Jugendliche glauben sie, die Welt im Sturm erobern zu können. Ihr Leben begleitet Die Summe unseres Glücks über 30 Jahre lang bis zur Wahl des nächsten sozialistischen Präsidenten François Hollande. Spätestens dann ist es Zeit, Bilanz zu ziehen und zu sehen, was geworden ist, aus all den Träumen, Wünschen und Hoffnungen.

Von Beginn an vorgezeichnet ist der Weg von Rodolphe, der aus einem Arbeiterhaushalt stammt. Sein Vater ist überzeugter Kommunist, der die weichgespülte linke Politik der PS verabscheut. Rodolphe aber ist berauscht vom Sieg Mitterands und sucht in der Politik die Anerkennung, auf die sein ganzes Denken und Streben ausgerichtet ist.

Tanguys Familie gehört eine Fabrik für Konserven. Weil sein Vater unerwartet  verstorben ist, hilft er früh bei der Buchhaltung und übernimmt Aufgaben im Management. Die mittelständische Firma mit ihrer vertrauensvollen Atmosphäre bildet einen scharfen Kontrast zu dem globalen Konzern, in dem Tanguy später Karriere macht, einem Unternehmen, in dem für menschliche Empfindungen und Schwächen kein Platz mehr ist.

Dritter im Bunde ist der schweigsame und zurückhaltende Benoît, der eine Passion fürs Fotografieren hegt und damit international großen Erfolg hat. Er bleibt trotz seines Weltruhms bescheiden, erkennt aber erst spät, dass er die Persönlichkeit anderer auf Bildern einfangen will, um nicht in seine eigenen Abgründe blicken zu müssen.

„Seine Begeisterung für die Abgründe der menschlichen Seele stellte ihn pausenlos vor drängende Fragen: über die Schwierigkeiten des Schöpferischen, des Seins, des Lebens, vor allem aber konfrontierte sie ihn mit der Leere – die Leere der Hoffnung, die Kunst könnte das Antlitz der Welt verändern, die abgrundtiefe Leere des menschlichen Ehrgeizes und ganz allgemein die Leere des Lebens-, Erfüllung kannte er nicht. Diese dauernden Fragen laugten ihn aus, sie bereicherten ihn nicht. Denn was ihm so bitter fehlte, war dieses Gefühl der Erfüllung, das Gefühl buchstäblich ausgefüllt zu sein mit etwas Lebendigem.“

Eine besondere Rolle in der Vierer-Konstellation nimmt Paul Sauvidan ein, der als Ich-Erzähler auftritt. Er steht wie Benoît für Kunst und Kultur, während Rodolphe und Tanguy als personifizierte Sinnbilder für Politik und Wirtschaft stehen. Paul schmeißt das Medizinstudium, zu dem ihm sein kleinbürgerlicher und autoritärer Vater gezwungen hat, rasch hin und entscheidet sich dafür Schauspieler zu werden. Diese Rebellion in Verbindung mit seiner Homosexualität führt schließlich zum Bruch mit seinem Vater. Als einziger der vier Freunde führt sein Schaffen nicht zu Bedeutung, Macht oder Geld. Pauls Theaterkarriere bleibt weitgehend unbeachtet.

Die Charaktere erhalten bei François Roux eine ungeheure Tiefe und faszinieren gerade deshalb, weil sie sie den Raum haben sich zu entwickeln. Moralisch und ethisch fragwürdige Entscheidungen im Beruflichen wie im Privaten treffen die Figuren zuhauf, aber keine ist substantiell böse. Jeder ist getrieben von seinen persönlichen Ängsten und Komplexen, die vielleicht eine glänzende Karriere ermöglichen, auf lange Sicht aber eben ins Unglück führen. Der Weg zum Glück, zum Frieden mit sich selbst, gelingt erst, nachdem die eigenen Beweggründe kritisch hinterfragt und Konsequenzen abgeleitet sind.

Die Summe unseres Glücks ist eine kritische Abrechnung mit Materialismus und einer kalten, globalisierten Wirtschaft. Roux platziert seine Themen gekonnt, indem er vier unheimlich tiefe Charaktere schafft, die sich in dieser Welt behaupten, für ihren Erfolg, aber einen hohen Preis zahlen.

Verlag: Piper
ISBN: 978-3-492-05693-9
Preis: 24 € (Hardcover)

 

 

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