Volker Kutscher: Die Akte Vaterland

Volker Kutscher: Die Akte Vaterland
Die besten Feiern sind oft die, die man gar nicht geplant hat. Und die besten Bücher oft die, die man mitgenommen hat, ohne zuvor etwas über den Autor und seinen Stil gelesen zu haben. Eine solche Entdeckung war bei mir Die Akte Vaterland. Es ist der vierte von mittlerweile sechs Krimis mit dem Ermittler Gereon Rath, die in Berlin unmittelbar vor bzw. die späteren Bände auch nach der Machtergreifung durch die Nazis spielen.

Kutscher gelingt dabei ein atmosphärisch dichter Roman. Auch wenn das Scheitern der Weimarer Republik und die NS-Ideologie nicht einmal die zentralen Themen des Krimis sind, liegen sie doch wie ein bedrohlicher Schatten über der Geschichte.

Berlin, 1932. Im Vergnügungstempel „Vaterland“ wurde ein Toter im Lastenaufzug gefunden. Schnell stellt sich heraus, dass es noch weitere Morde gibt, bei denen die Opfer zuvor mit einem indianischen Pfeilgift gelähmt worden sind. Das Absonderliche: Die Lungen der Leichname weisen Anzeichen von Ertrinken auf, ohne dass sie im Wasser getötet wären. Die Ermittlungen führen Rath schließlich nach Ostpreußen, genauer gesagt nach Masuren.

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Ostpreußen zur Zeit der Weimarer Republik

Der Landstrich lag damals hinter dem polnischen Korridor und war vom Deutschen Reich abgeschnitten. Für mich zählen die Passagen, die von Raths Ermittlungen vor Ort in Treuburg erzählen, zu den stärksten Kapiteln im Roman. Er beschreibt anschaulich das geistige Klima in der Region, das vom gegenseitigen Hass der Deutschen auf die Polen (und umgekehrt) bestimmt war. Während in Berlin noch Straßenschlachten zwischen Kommunisten und der SA wüteten, gab es in Treuburg längst keine nennenswerte Zahl Kommunisten mehr, die noch Widerstand hätte leisten können. In Treuburg stößt Rath auf eine verschworene Dorfgemeinschaft, die dem Ermittler aus Berlin mit Argwohn und Ablehnung beobachtet. Unbeirrbar setzt er aber seinen Weg fort und kommt einem lange gehüteten Geheimnis auf die Spur…

Nun könnte man an dieser Stelle gewiss noch mehr über die Ermittlung an sich schreiben, aber der Mordfall und seine Auflösung war gar nicht mal das, was mich an der Geschichte begeistert hat. Viel beeindruckender ist es, wie hervorragend es Kutscher gelingt, das Berlin jener Tage wieder auferstehen zu lassen. Eine einerseits aufregende Zeit, wenn man an die roaring twenties denkt, und gleichzeitig befremdlich, weil man als Leser um die Katastrophe weiß, die die Protagonisten in dem Roman sich noch nicht einmal vorstellen können. Alle Träume und Zukunftspläne sind zum Scheitern verurteilt. Rahts Verlobter Charly erzählt der jüdische Berliner Polizeivizepräsident Bernhard Weiß einmal, dass er die Hoffnung habe, wieder in den Dienst zurückzukehren, nachdem er durch eine Staatsstreich von Papens abgeführt und verhaftet worden war. Aber es kam anders.

Die Akte Vaterland erzählt eine Kriminalgeschichte auf stolzen 560 Seiten und ist doch nie langweilig. Kutscher lässt sich ausreichend Zeit, die Geschichte voranzutreiben, die Figuren zu zeichnen und die Zeit auferstehen zu lassen. Diese Hinführungen und Abschweifungen von der eigentlichen Ermittlung machen den Roman aber aus.

Wer einen Kriminalroman sucht, der mit langem Atem nicht nur einen Fall, sondern ein sehr plastisches Bild von Berlin und Masuren in den 1930er Jahren bietet, ist mit der Akte Vaterland bestens beraten.


Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04466-9
Erscheinungsjahr: 2012
Preis: 19,99 Euro (Hardcover)

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