Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem

Hannah Arendt: Eichmann in Jerusalem

Es gibt Bücher, die unterhalten, und Bücher, die breite gesellschaftliche Kontroversen nach sich ziehen. Letzteres ist nicht zuletzt dann der Fall, wenn der Autor damit einen wunden Punkt getroffen hat. Eines dieser in vielerlei Hinsicht umstrittenen, aber sehr lesenswerten Bücher ist Hannah Arendts Eichmann in Jerusalem, das auch 40 Jahre nach der ersten Auflage noch jede Berechtigung hat, im Bücherregal zu stehen und gelesen zu werden.

Hannah Arendt hatte bereits mit ihrer Abhandlung über die Ursprünge des Totalitarismus gezeigt, wie Verbrechen von nie da gewesener Systematik möglich sein konnten. Sie war also hochqualifiziert, um für den New Yorker über den Prozess des Staates Israel gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann zu berichten. Die Berichte sind 1963 in dem beim Piper Verlag erschienenen Werk zusammengeführt worden. Das Perfide daran ist, dass der damalige Verlagsleiter von Piper, Hans Rößner, selbst führendes Mitglied im Reichssicherheitshauptamt gewesen war. Hannah Arendt stand mit ihm in Briefkontakt, wusste aber nichts von seiner NS-Vergangenheit.

Eichmann, der für die Vertreibung und Deportation der Juden im Dritten Reich verantwortlich war, und ohne dessen Organisation der Massenmord  nicht möglich gewesen wäre, floh nach dem Zweiten Weltkrieg nach Argentinien. Dort wurde er vom israelischen Geheimdienst aufgespürt und (durchaus völkerrechtswidrig) nach Israel verschleppt. In Jerusalem wurde er schließlich vor ein Gericht gestellt. Arendts Prozessbericht geht nun weit über eine reine Dokumentation hinaus. Sie zeichnet von Eichmann ein Bild, das in dem umstrittenen Begriff der Banalität des Bösen mündet. Keineswegs ging es ihr darum, zu unterstellen, dass die Verbrechen Eichmanns banal im Sinne von vernachlässigbar gewesen seien (ein Vorwurf, gegen den sie sich zur Wehr setzen musste). Sie wollte zum Ausdruck bringen, dass Eichmann kein Genius des Bösen, kein diabolischer Anführer, sondern ein spießbürgerlicher Funktionär war, der sich schlichtweg nicht ausmalte, was er da anrichtete.

Eichmann war nicht Jago und nicht Macbeth, und nichts hätte ihm ferner gelegen, als mit Richard III. zu beschließen, „ein Bösewicht zu werden“. Außer einer ganz ungewöhnlichen Beflissenheit, alles zu tun, was seinem Fortkommen dienlich sein konnte, hatte er überhaupt keine Motive. Er hat sich nur, um in der Alltagssprache zu bleiben, niemals vorgestellt, was er eigentlich anstellte. 

Eindrucksvoll schildert sie, wie Eichmann es verabscheute, bei Besuchen in Lagern mit direkter Gewalt konfrontiert zu sein. Zwar organisierte er dienstbeflissen und karrierebewusst den Massenmord, wurde aber hysterisch wenn er konkret mit den Auswirkungen seiner Taten vor Ort konfrontiert wurde.

Folgt man Arendt hat Eichmann das Denken eingestellt, jenen Prozess, der seit Sokrates den inneren Dialog des Menschen mit sich selbst bezeichnet. Die Verweigerung zu Denken ging bei Eichmann soweit, dass er – wiederum laut Arendt, aber m.E. ist die Beschreibung plausibel – nicht einmal mehr die Fantasie aufbringen konnte, sich vorzustellen, welche Auswirkungen seine bürokratische Arbeit hat. In Jerusalem behauptete Eichmann sogar, kein Antisemit zu sein. Ein ungeheurliche Aussage seiner Taten eingedenk. Arendt aber nimmt ihm die Behauptung ab. Eichmann war demnach ideologisch desinteressiert; er hat nur das getan, was man von ihm erwartet hatte.

Ein weiterer Streitpunkt dieses Buches ist die Rolle der Judenräte im Zweiten Weltkrieg. Arendt, die als deutsche Jüdin selbst über Frankreich nach New York geflüchtet war, kritisiert, dass die Räte mit dem Regime intensiv kooperiert hätten. Wenn diese nicht Listen mit Namen, Adressen usw. zur Verfügung gestellt hätten, dann wäre der Massenmord in diesem Ausmaß der Autorin zufolge nicht möglich gewesen. Die Öffentlichkeit warf ihr daraufhin vor, die Opfer zu Verbrechern zu machen und die Verantwortung der Nazis zu mindern. Dies war sicherlich nicht ihre Intention. Ihr ging es darum, zu demonstrieren, wie total der moralische Zusammenbruch in ganz Europa war. Dahinter steht die Überzeugung, dass es unerlässlich ist, zu verstehen, wie es soweit kommen konnte, und alle dunklen Ecken auszuleuchten, so schmerzhaft es auch sein mag. Meines Wissens sind die Fakten, auf die sich Arendt beruft, nicht falsch, gleichwohl mangelt es ihr etwas an Fingerspitzengefühl und Sensibilität an dieser Stelle.

Hannah Arendt zeichnet ein Bild von Eichmann, das gerade auf Grund seiner spießbürgerlichen Langeweile fürchterlich ist. Zwar beschreibt sie die bürokratische Organisation manchmal etwas zu detailliert, lesenswert und lehrreich bleibt das Buch aber allemal.

Verlag: Piper
ISBN: 978-3462-203081
Erscheinungsjahr: 2004 (1. Auflage 1964)
Preis: 11,90 Euro (Taschenbuch)

 

 

 

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s