Nathan Hill: The Nix / Geister

Nathan Hill: The Nix / Geister

Zehn Jahre, schreibt Nathan Hill in seiner Danksagung, habe er an The Nix gearbeitet. Angefangen hat er also in einer Zeit, in der die USA noch von George W. Bush regiert worden war und die Vorstellung, dass Donald Trump eine politische Karriere einschlagen könnte, absurd erschien. Im Roman aber schickt sich ein rechts-populistischer Präsidentschaftskandidat an, das Land zu erobern. Es ist nicht zuletzt diese prophetische Kraft, die Nathan Hill auf die Bestsellerlisten gespült hat.

Samuel Andresen-Anderson ist Literaturprofessor, der viel Zeit mit einem Online-Rollenspiel namens Elfscape verbringt. Er ist einsam, gelangweilt und ohne Träume. Schon als Kind war Samuel schüchtern und neigte zu Heulanfällen. Seine Mutter Faye verließ ihn als er noch ein Junge  war. Fortan lebte Samuel mit seinem Vater,  den Hill als entsetzlich langweilig charakterisiert. Nie hatte der Junge erfahren, welche Gründe seine Mutter für ihre Flucht hatte und was sie in all den Jahren getrieben hat.

Eines Tages ruft die Anwaltskanzlei Rogers & Rogers bei Samuel an. Er soll als Leumund für seine Mutter bürgen, die den Präsidentschaftskandidaten der Republikaner mit Steinen beworfen hat. Sheldon Packer ist Gouverneur von Wyoming und erinnert in seiner dummdreisten Art -auch wenn er für Hill mehr ein Instrument für die Geschichte darstellt und kein eigentlicher Protagonist ist  – verblüffend an den amtierenden Präsidenten. Die Medien taufen Faye den Packer Attacker und berichten, dass sie in Chicago einmal wegen Prostitution verhaftet worden war.

Fayes unbeholfene, ja geradezu lachhaft naive Tat wird hysterisch zum terroristischen Angriff stilisiert. Das aufgeheizte gesellschaftliche Klima steht in enger Verbindung mit der in den USA nunmehr zur Staatsräson verklärten Herrschaft des Postfaktischen. Pointiert bringt das Samuels Verleger Periwinkle zum Ausdruck.
What’s true? What’s false? In case you haven’t noticed, the world has pretty much given up on the old Enlightenment idea of piecing together the truth based on observed data. Reality is too complicated and scary for that. Instead, it’s way easier to ignore all data that doesn’t fit your preconceptions and believe all data that does. I believe what i believe and you believe what you believe, and we’ll agree to disagree. It’s liberal tolerance meets dark ages denialism. It’s very hip right now.

Durch die Vermittlung des Anwalts trifft Samuel nach vielen Jahren seine Mutter wieder. Dem Treffen stimmt er nicht zu, weil er ihr helfen, sondern weil er ein  Buch über sie schreiben will. Das erste Zusammentreffen der beiden verläuft jedoch verkrampft und zäh. Samuels bohrende Fragen belässt sie unbeantwortet: Warum hast du mich verlassen? Was hast du all die Jahre getan?  Daher beginnt er selbst zu recherchieren und lernt ihre Beweggründe mit der Zeit zu verstehen.

Der Roman hat noch eine ganze Reihe von Seitensträngen, die mehr oder minder ins Gewicht fallen: Samuels unerfüllte Liebe zu Bethany, der Ärger mit einer Studentin, die ihn erledigen will, weil er sie des Plagiats überführt hatte und er lernt im real life einen Mitspieler aus Elfscape kennen. Der Nukleus der Geschichte bleibt aber stets die Mutter-Sohn-Geschichte, die in vielen Rückblenden erzählt wird. Eindringlich schildert Hill, wie Faye in einem kleinen Städtchen im mittleren Westen aufgewachsen war. Die kleinbürgerliche Enge ist so erdrückend, dass man sie dazu beglückwünschen möchte, zum Studium nach Chicago zu fliehen. Es ist 1968 und Faye kommt mit der Hippie-Bewegung in Berührung. Sex & Drugs sind allgegenwärtig und bilden eine Kontrapunkt zum Kleinstadtleben.

Das Buch umfasst stolze 625 Seiten, in der deutschen Fassung sind es mehr als 800. Nicht selten gilt es bei Romanen dieses Umfangs Durststrecken zu überwinden, in denen die Geschichte nur schleppend vorankommt und sich Autoren in Details und langatmigen Beschreibungen verlieren. Ich hatte das Problem bei The Nix nur zu Beginn des Buches. Es dauert eine Zeit, bis die Geschichte an Fahrt aufzunehmen beginnt. Es lohnt sich aber durchzuhalten. Schön ist auch, dass Nathan Hill auf den letzten Seiten noch die ein oder andere schlüssige Wendung parat hatte, die – zumindest für mich – nicht vorauszusehen war.

Ich kann das Buch empfehlen und würde Nathan Hill in der Tradition von Jonathan Franzen verorten. Hin und wieder gibt es ein paar Längen, die sich nach meinem Empfinden aber absolut im Rahmen halten.

Verlag: Picador / dt. bei Piper
Erscheinungsjahr: 2016
Preis: 19,95 € / 25 €
Seiten: 625 / 864

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