Noah Hawley: Vor dem Fall

Noah Hawley: Vor dem Fall

Noah Hawley ist in Deutschland vor allem als Drehbuchautor bekannt, der unter anderem für Bones und Fargo geschrieben hat. 2016 hat er Vor dem Fall veröffentlicht, das hierzulande bei Goldmann herausgekommen ist. Ich empfand das Buch – trotz der zuweilen positiven Kritiken in den Zeitungen – als enttäuschend. Die Charaktere sind eindimensional und flach wie Pappfiguren, die Story hat mich auch nicht gepackt.

Scott Burroughs ist ein mittelmäßiger Künstler, der auf Martha’s Vineyard die flüchtige Bekanntschaft von Maggie Bateman macht. Sie ist mit dem Medienmogul David Bateman verheiratet. Mit ihm und ihren beiden Kindern Rachel und JJ hatten sie ein paar freie Tage auf der Insel verbracht. Maggie lädt Scott ein, zusammen mit ihnen im Privatjet nach New York zurückzufliegen. Mit an Bord sind Angestellte eines privaten Sicherheitsdienstes, welche die Batemans engagiert hatten, nachdem Rachel vor ein paar Jahren entführt worden war. Auch der Finanzmanager Ben Kipling und seine Frau Sarah nutzen den Privatjet, um nach New York zurückzufliegen.

Wenige Kilometer vor dem Festland stützt der Privatjet ab. Alle Insassen sterben – außer Scott und JJ. Der Maler wird zum Helden, indem er nicht nur sein Leben rettet, sondern auch das des 4-jährigen Jungen. Schon bald wird Scott aber zur Zielscheibe von Bill Cunningham, dem Chef-Sprecher von David Batemans Nachrichtensender. Mit wilden Spekulationen und geleakten Dokumenten setzt er Scott massiv unter Druck und macht Stimmung gegen ihn. Obwohl die Ursache für den Flugzeugabsturz lange unklar ist, setzt sich Cunningham mit der haltlosen Überzeugung in Szene, dass der Absturz kein Zufall gewesen sein kann, sondern ein terroristischer Anschlag gewesen sein muss, womöglich mit Scotts Beteiligung.

Im Kern geht es in Vor dem Fall um die Geschichte eines Bedeutungslosen, den die Medien erst zum Held erklären und gegen den sie später irrational zu Felde zielen. Ungewollt erhält Scott seine 15 Minuten Ruhm und macht Bekanntschaft mit einer entfesselten Medienlandschaft, die den hehren Grundsatz der journalistischen Sorgfaltspflicht längst vergessen hat.

Journalisten sollten objektiv über Tatsachen berichten, mochten sie noch so kontrovers sein. Man bog die Nachricht nicht zurecht, bis sie zur Story passte. Man berichtete einfach über die Fakten, wie sie waren. Seit wann galt das nicht mehr? Scott erinnert sich an die Reporter seiner Jugend – Cronkite, Mike Wallace, Woodward und Bernstein, Männer mit Grundsätzen, Männer mit einem eisernen Willen. Wie hätten sie über die Ereignisse berichtet?

Hawley erzählt die alte Leier der bösen Medien. Dass es sehr fragwürdige Medienmechanismen gibt,  wie sie gerade nach großen Katastrophen zutage treten, ist nicht von der Hand zu weisen. Informationsleere Liveticker nach Amokläufen oder Terroranschlägen sind Symptom einer sich immer schneller drehenden Welt, in der kaum einer noch die Geduld aufbringt, zu warten, bis sich der aufgewirbelte Staub gelegt und mit klarer Sicht ein Sachverhalt bewertet werden kann. Dass sich Journalismus selbst erniedrigt, indem er sich dem Entertainment unterordnet, ist unverzeihlich, leider aber bei weiten keine neue Erkenntnis. Was Vor dem Fall etwas fad macht, ist, dass Hawley sich dieser Problemstellung annimmt, sie aber mit wenig Originalität erzählt.

Was mich zudem stört, ist der fehlende Tiefgang von vielen Charakteren, die in diesem Buch eine tragende Rolle spielen. Der Finanzhai Ben Kipling könnte kaum stereotyper sein. Hawley beschreibt ihn einen als von Gier zerfressenen, rücksichtslosen Kapitalisten; angewidert von Menschen, die Geld nicht die existenzielle Bedeutung zuschreiben, die es seines Erachtens verdient. Cunningham verkörpert das Klischee eines skrupellosen, Gesetze brechenden TV-Anchors, der für seine Quote über Leichen geht. Einblicke in das Seelenleben von Scott, die der Frage nachgehen, wie er mit der Tragödie und seinen Folgen umgeht, kommen mir auch zu kurz.

Ich habe Vor dem Fall als Enttäuschung empfunden und würde es nur bedingt  weiterempfehlen wollen. Die knapp 500 Seiten ziehen sich nach meinem Empfinden.

Verlag: Goldmann
ISBN: 978-3442314218
Erscheinungsjahr: 2016
Preis: 22,99 € (Hardcover)

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