M.R.C. Kasasian: Mord in der Mangle Street

M.R.C. Kasasian: Mord in der Mangle Street
In Erwartung seichter, aber vergnüglicher Krimi-Unterhaltung habe ich Mord in der Mangle Street von Martin R.C. Kasasisan mitgenommen. Die Erwartung wurde nicht enttäuscht. Das Detektivgespann Sidney Grice und March Middleton nimmt in diesem Debut-Roman ganz bewusst starken Bezug auf Sherlock Holmes. Anders als bei den Geschichten von Sir Arthur Conan Doyle werden die Ermittlungen aber aus der Perspektive einer jungen Frau erzählt und es ist nicht das London des wohlsituierten Bürgertums, das im Vordergrund steht, sondern das der Unterschicht: East End statt West End! Fragen der Emanzipation oder sozialer Gerechtigkeit waren für Conan Doyle schlichtweg nicht existent.

Nach dem Tod ihres Vaters reist die junge March Middleton Ende des 19. Jahrhunderts vom Land nach London, das sich 1882 „glanzvoll aus seinem Pestgestank menschlicher Fäulnis“ erhob. Vormund ist ihr Patenonkel Sidney Grice, Englands berühmtester privater Ermittler. Der Junggeselle hat aber so einige Schrullen: Er hat ein Glasauge, das ihm immer wieder herausfällt, er ist strenger Asket und meidet Fleisch, Tabak und Alkohol. Dafür hat er eine besondere Vorliebe für Tee und zum Leidwesen seiner Haushälterin sehr spezielle Vorstellungen, wie dieser zubereitet sein muss. March hingegen gewöhnt sich nur langsam an das Leben in der Metropole. Sie trinkt – zum Missfallen ihres Vormundes – heimlich Gin und raucht Zigaretten. Sie ist es auch, die Sidney überredet, den Fall des Toten in der Mangle Street anzunehmen. Im East End ist eine Frau brutal ermordet worden und alles deutet auf den Ehemann hin. Auch Sidney ist von seiner Schuld überzeugt, nur March glaubt fest, dass er nichts getan hat.

Der Fall und auch die Lösung hat schöne Wendungen und bietet eine Lösung, die sowohl Sidney als auch March gerecht wird. Recht amüsant sind die zahlreichen Anspielungen auf Sherlock Holmes-Geschichten, die immer wieder eingestreut sind. Beispielsweise steht an der Wand des Tatorts das italienische Wort für Rache, Rivincita, mit Blut geschrieben. In Conan Doyles Studie in Scharlachrot (Study in Scarlet), dem ersten Sherlock Holmes-Roman, rätselte das Ermittler-Duo, was das deutsche Wort Rache an der Wand zu bedeuten habe. Ein weiteres Beispiel: Sidney legt großen Wert darauf als persönlicher Detektiv  bezeichnet zu werden, wie Sherlock Holmes ehedem  als beratender Detektiv („consulting detective“) tituliert werden wollte.

Kasasian zeichnet March Middleton als selbstbewusste junge Frau, die in der Männerwelt schnell an Grenzen stößt. Ohne die späteren Bände zu kennen, kann ich mir gut vorstellen, dass die Suffragetten zu einem späteren Zeitpunkt noch eine Rolle spielen. Verhagelt hat mit den Spaß am Buch die Figur Sidney Grice. Wenn der Autor ihn als grimmigen, patzigen, aber im Grunde liebenswerten Ermittler gezeichnet hätte, wäre alles wunderbar gewesen. Leider wirkt er auf mich in vielen Stellen aber  derart bösartig, dass jegliche Identifikation mit ihm ausgeschlossen erscheint. Diesen Spagat hat Conan Doyle bei der ebenfalls ambivalenten Figur des Sherlock Holmes deutlich besser hinbekommen.

Mord in der Mangle Street ist ein unterhaltsamer Krimi, der das Sherlock Holmes-Motiv aufgreift und aus einer anderen, linken Perspektive erzählt. Der Ansatz ist ganz nett, in der Summe aber ist es ein Buch, das man nicht unbedingt gelesen haben muss.

Verlag: Atlantik
ISBN:  978-3-455-60051-3
Seiten: 400
Erscheinungsjahr: 2016
Preis: 20 € (Hardcover)

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