Julian Barnes: Arthur & George

Julian Barnes: Arthur & George

Ein großer Justizskandal, ein weltberühmter Schriftsteller und die atmosphärisch dichte Kulisse des viktorianischen Englands. Die Komponenten für Julian Barnes Roman Arthur & George sind hervorragend – und so ist auch das Buch. Es geht um Stereotype und imperialen Rassismus, um Religion und Spiritismus und um die Frage, was eigentlich Ehre bedeutet. Zentrale Figur ist niemand geringerer als Sir Arthur Conan Doyle, der sich – historisch korrekt – in einen Kriminalfall einschaltet und den zu Unrecht verurteilten Parsen George Edalji rehabilitieren will.

In weiten Teilen ist das Buch eine Doppel-Biographie. Barnes zeichnet die Entwicklung vom Kind Arthur, der seine Mutter glorifiziert und seinen alkoholkranken Vater verabscheut, zu Sir Arthur, der vom Erfolg seiner Sherlock Holmes-Romane erdrückt wird und darunter leidet, neben seiner Ehefrau Touie eine zweite Frau Jackie zu lieben. Es ist sein Anspruch von Ehre, der die Beziehung lange platonisch bleiben lässt – bis Touie an Schwindsucht stirbt.

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Arthur Conan Doyle

Niedergeschlagen vom Tod seiner Frau macht Doyle etwas, das er zuvor noch nie gemacht hat. Er öffnet einen jener Briefe, die ihn, den Erfinder des berühmtesten Detektivs der Welt, um Hilfe bitten. Absender ist George Edalji, der für das brutale Töten von Pferden in einem kleinen englischen Dorf ins Gefängnis gehen musste. Mittlerweile hat Edalji seine Strafe abgesessen, aber um seine Zulassung als Solicitor (eine Art Anwalt) wieder zu erhalten, muss er rehabilitiert werden.

Doyle ist empört, als er beginnt, sich mit dem Sachverhalt auseinanderzusetzen. Er ist überzeugt, dass es rassistische Vorurteile sind, die zu Edaljis Verurteilung führten. Wie Sherlock Holmes mit Watson an seiner Seite, schnappt sich Doyle seinen getreuen Sekretär und versucht den wahren Täter zu überführen. Wie seine Figur schert ihn das Gesetz wenig, wenn es darum geht, Beweise zu finden, und er hat keine Skrupel zu diesem Zweck einen Einbruch anzuordnen. Doyle nutzt aber vor allem seinen Weltruhm, um ordentlich Krawall zu schlagen und das Ministerium dazu zwingen, den Urteilsspruch einer erneuten Überprüfung zu unterziehen.

Im Spannungsfeld zwischen Rationalismus und Skeptizismus
Doyle ist eine ungemeine vielschichtige Persönlichkeit  und gerade deshalb ist es interessant, wie Barnes den Autoren literarisch verwertet. Spannend ist Doyles Skeptizismus, sein unbeirrbarer Glaube daran, bei Séancen mit den Toten in Kontakt treten zu können. Dieses mystische Denken befindet sich bei ihm in einem Spannungsfeld mit Sherlock Holmes, der  Rationalismus und Vernunftglaube der Aufklärung auf die Spitze treibt. Bei Julian Barnes klingt  Doyle wie folgt:

Die Menschlichkeit ist kurz davor, Licht in die Wahrheiten psychischer Gesetzmäßigkeiten zu bringen, wie sie seit Jahrhunderten Licht in die Wahrheiten physischer Gesetzmäßigkeiten bringt. Sind diese Wahrheiten erst akzeptiert, wird unser gesamtes Denken über das Leben – und Sterben – von Grund auf revidiert werden müssen. Dann glauben wir an mehr, nicht an weniger. Wir haben ein tieferes Verständnis von den Vorgängen des Lebens. Wir erkennen, dass mit dem Tod keine Tür vor unserer Nase zuschlägt, sondern dass die Tür nur angelehnt ist. Und ich glaube, zu Beginn dieses neuen Jahrtausends wird unsere Fähigkeit zum Glücklichsein und gegenseitigen Verständnis größer sein als je zuvor in dem oftmals elenden Dasein der Menschheit.

Es wäre ungemein interessant, ob Barnes Passagen wie die oben Zitierte aus Primärquellen entnommen hat – es ist stark zu vermuten. Die Liste von Doyles Publikationen zu diesem Thema ist lang. Der unbedingte Fortschrittsglaube charakterisiert Doyle klar als ein Kind der Aufklärung (wie seine Figur) und so schließt sich dann doch wieder der Kreis zu Sherlock Holmes. Wenn die Schwindler unter den Geister-Medien entlarvt werden, glaubte Doyle, müssten die, die übrig bleiben, wahrhaftig mit den Toten sprechen können. Oder mit anderen Worten, den Worten von Sherlock Holmes: „When you have excluded the impossible, whatever remains, however improbable, must be the truth.“

Neben dem Spiritismus Doyles ist auch der Fall Edalji es wert, neu erzählt zu werden. Diesen Justizskandal verknüpft Julian Barnes glänzend mit einer biographischen Darstellung von Sir Arthur Conan Doyle.

Verlag: btb
Seiten: 528
ISBN:  344 273 562 9
Preis: 10 Euro (Taschenbuch)

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