Thea Dorn: Die Unglückseligen

Thea Dorn: Die Unglückseligen

Thea Dorn ist eine feste Größe in den literarischen Zirkeln, seit neuestem auch als festes Ensemblemitglied im Literarischen Quartett. 2016 hat sie Die Unglückseligen bei Knaus veröffentlicht: Ein Roman, der mit der Sehnsucht des Menschen nach Unsterblichkeit spielt. Ich habe mich ein wenig auch von dem sehr gelungenen Cover verleiten lassen das Buch zu kaufen. Eine gewisse Enttäuschung kann ich nach der Lektüre allerdings nicht verhehlen.

Die Molekularbiologin Johanna Mawet ist vom Gedanken beseelt, den Tod zu überlisten und der Menschheit Unsterblichkeit zu schenken. Für Ärzte, die meinen, Leben zu retten, wenn ihnen eine Operation glückt, hat sie nur Verachtung übrig. Wo liegt der Wert, fragte sie sich, wenn der Tod sein Geschöpf ein paar Jahre später holt? Jeder medizinische Erfolg hat nur ein aufschiebende Wirkung.

Während eines Forschungsaufenthaltes in den USA macht sie die Bekanntschaft eines etwas verwahrlosten Mannes, der eine sehr eigentümliche, altmodische Sprechweise pflegt. Mit der Zeit kommt sie dahinter, dass es sich dabei um den Physiker Johann Wilhelm Ritter handelt, der 1776 gestorben ist – glaubt man. Ritter war – soweit historisch gesichert – Galvanist, der mit den Größen seiner Zeit korrespondierte. Mit Goethe, Brentano, Humboldt stand er in Kontakt. In der Geschichte Thea Dorns ist Ritter jedoch nie gestorben. Seine Wunden heilen in kürzester Zeit. Schneidet man ihm einen Finger ab, wächst er nach. Der Zufall will es, dass Ritter mit 33 Jahren gestorben ist; dasselbe Alter also, indem Jesus von Nazareth gekreuzigt worden war – beide, so die Pointe, sind nie wirklich gestorben.

Johann_Wilhelm_RitterRitter ist für Mawet ein Glücksfall. Sie hofft durch ihn dem Geheimnis der Unsterblichkeit auf die Schliche zu kommen, indem sie seine DNA sequenziert. Aus den USA reist das seltsame Gespann schließlich nach Deutschland, wo die Geschichte ihren weiteren Verlauf nimmt.

Die Idee, die dem Buch zugrunde liegt, halte ich für fantastisch. Eine Molekularbiologin, der jegliche ethische Kompetenz fehlt, trifft auf einen Galvanisten der Frühromantik. Beide sind von dem uralten Traum (oder Alptraum?) der Unsterblichkeit beseelt. Nur die Mittel, mit denen sie dem Mysterium zu Leibe rücken wollen, sind andere. Was Johanna die menschliche DNA ist, ist für Ritter der elektrische Strom. Wenn Johanna nüchtern von Telomere und Zellteilung spricht, fabuliert Ritter von der alles verbindenden „Weltseele“. Die Autorin zeigt, dass die Hoffnung auf ewiges Leben über alle Zeiten die Menschen bewegt, ganz egal, wie die politischen, religiösen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gerade sein mögen.

Soweit zu den positiven Seiten des Buches: Was sich mir leider überhaupt nicht erschließt, ist der Humor des Buches. Ritter spricht vom „Apfelbund“, wenn er die vielen MacBooks sieht oder umschreibt altertümlich Donuts. Na ja… das wäre noch plausibel, wenn Ritter mehr als 200 Jahre später wieder zum Leben erwacht wäre, anstatt die gesamte Zeit über Anteil an der kulturellen und technologischen Entwicklung der Menschheit gehabt zu haben. Insgesamt ist das Buch auch deutlich zu lange geworden. Dies, in Verbindung mit der schwer lesbaren Sprache der Romantik, welche Dorn gewählt hat, trübt das Lesevergnügen leider erheblich.

Der Plot ist originell und vielversprechend. Für die Lektüre sollte man allerdings ein Faible für die Sprache der Romantik haben.

Verlag: Knaus
Erscheinungsjahr: 2016
Seiten: 560
ISBN: 978-3-8135-0598-6
Preis: 24,99 € (Hardcover)

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