Robert Darnton: Die Zensoren

Robert Darnton: Die Zensoren

Nicht jeder Historiker schreibt Bücher so, dass sie gut lesbar sind. Bei dem Harvard-Professor Robert Darnton trifft dies zu. In den letzten Jahrzehnten hat er eine ganze Reihe von Sachbüchern publiziert, die durchgehend ihren Platz im Bücherschrank verdient haben. Das zentrale Thema, das all seine Bücher durchzieht, ist die Geschichte von Ideen und wie sie sich verbreiten. In dieser Tradition steht auch Die Zensoren. Wie staatliche Kontrolle die Literatur beeinflusst hat. Vom vorrevolutionären Frankreich bis zur DDR. Darnton betrachtet die Zensur aus einer neuen Perspektive, indem er die Menschen, ihre Ziele und ihre Arbeitsweise in den Vordergrund rückt.

Das Buch beschreibt drei autoritäre Systeme, die schon durch die Wahl von Zeit und Ort nicht zu vergleichen sind. Er untersucht die Rolle der Zensur im Frankreich der Aufklärung, in Indien zur Zeit der englischen Kolonialherrschaft sowie in der DDR nach dem Zweiten Weltkrieg. Es gibt eine Gemeinsamkeit, die deutlich wird und  auf den ersten Blick nicht unbedingt zu erwarten gewesen wäre. Die Zensoren verstanden sich keineswegs nur als dumpfe Blockierer und Gesinnungspolizisten ohne jeden Verstand, sondern sie standen zum Teil in intensivem Austausch mit den Autoren und waren wie Lektoren an der Entwicklung beteiligt.

Der stärkste Part ist der erste Teil über das Ancien Régime. Es ist die Epoche, in der sich Darnton am besten auskennt – man werfe nur einen Blick in seine Publikationsliste – und es ist auch das spannendste im ganzen Buch. Der Autor skizziert die unterschiedlichen Stufen, in denen Bücher genehmigt wurden: von der ausdrücklichen Leseempfehlung des Königs bis hin zur stillschweigenden Duldung. Eine hochinteressante Figur ist der damalige Chefzensor Chrétien-Guillaume de Lamoignon de Malesherbes, der keineswegs ein Feind der Philosophen war und in einem gewissen Rahmen das Denken der Aufklärung unterstützt hatte.

Die Denker jener Zeit wussten genau, wie sie ihre Botschaften zwischen den Zeilen spielen konnten. Genaueres hierzu liefert insbesondere der Klassiker von Leo Strauss:  Persecution and the art of writing (1952). Auch bei ihm zeigt sich, dass diese Form der Zensur nicht ansatzweise mit dem Apparat in einem totalitären Staat moderner Prägung zu vergleichen ist.

Für Britisch-Indien belegt Darnton, wie die Zensoren immer strenger wurden, nachdem die Herrschaft des Empire durch nationale Erhebungen bedroht schien. Toleranz und liberales Denken wurden schließlich dem Machterhalt bedingungslos geopfert. Ich halte diesen Teil aber ingesamt für den schwächsten im Buch. Der Part über die DDR ist insofern besonders, weil Darnton mit echten Zensoren Interviews führen könnte und einen unmittelbaren Einblick gewinnt.

Wenn man Kritisches zu dem grandiosen Buch anmerken will, dann, dass nach der Lektüre des Buches Zensur nur noch halb so schlimm erscheint. Nun schreibt Darnton explizit, dass er solche Kontrollsysteme keineswegs trivialisieren will. Gleichwohl durchziehen die drei Beispiele eine Auffassung, die er in dem Werk wiefolgt darlegt:

Weil heimliches Einvernehmen, Zusammenarbeit und Verhandlungen […] das Miteinander zwischen Autoren und Zensoren maßgeblich bestimmten, wäre es irreführend, Zensur als reinen Konkurrenzkampf zwischen Schöperftum und Unterdrückung zu betrachten. […] Zensoren waren überzeugt, das sie Literatur auf den Weg brachten. .

Wer eine gute Ergänzung zu dem Themengebiet Zensur sucht, dem sei Peter Godman ans Herz gelegt, der bereits 2001 Die geheime Inquisition. Aus den verbotenen Archiven des Vatikans auf den Markt gebracht hat. Ihm geht es ausschließlich um die literarische Zensur, den Index der verbotenen Bücher. Die Ausführungen sind hochspannend, weil er eindrucksvoll demonstriert, wie chaotisch diese Arbeit eigentlich erfolgte, die über Wohl und Wehe der Druckerzeugnisse urteilte.

Wer sich für das Thema Zensur interessiert, sollte bei Darnton zugreifen. Das Buch ist exzellent recherchiert und fügt dem Thema neue Aspekte zu. Insbesondere die Ausführungen zum vorrevolutionären Frankreich sind sehr lesenswert.

Eine Leseprobe gibt es hier.

Verlag: Siedler
Erscheinungsjahr: 2016
Seiten: 368
ISBN: 978 382 7500 625
Preis: 24,99 € (Hardcover)

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