Honoré de Balzac: Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken

Honoré de Balzac: Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken

Wen man ein Buch rezensiert, schreibt man kritisch über das Buch. Man wägt ab, was dem Autor besonders gut gelungen ist oder benennt dramaturgische Schwächen, flache Charaktere und was einem sonst aufgefallen ist und der Rede wert erscheint. Man ist also zwangsläufig ein Kritiker und damit einer jener „schrägen Typen der Journaille“, wie sie Honoré de Balzac in seiner Polemik gegen die Presse charakterisiert. 1843 erschien die Streitschrift, 2016 brachte der Schweizer Manesse-Verlag das Traktat erstmals in deutscher Übersetzung auf den Markt: Von Edelfedern, Phrasendreschern und Schmierfinken. Die schrägen Typen der Journaille

Fünf Gattungen Kritiker gibt es nach Balzac und schon der Titel stellt klar, dass er nur wenig von ihnen hält. Ob es nun um Publizisten, Politiker, Übersetzer geht. Er übergießt sie alle mit beißendem Spott, dessen sarkastische Qualität an Voltaire erinnert und vielleicht eine Besonderheit französischer Literatur ist. Der Gedanke an Voltaire drängt sich schon deshalb auf, weil er seinerzeit Journalisten als „cannaille de la littérature“ bezeichnet hatte. 100 Jahre vor Balzac schütteten Schriftsteller also auch schon Hohn über die Presse aus.

Das Wichtigste am Charakter eines Kritikers oder Publizisten sei, das sie keinen besäßen, ätzt Balzac gleich zu Beginn seines Werkes. An späterer Stelle heißt es.

Der Charakter des Kritikers ist insofern bemerkenswert, als in jedem Kritiker ein verhinderter Schriftsteller steckt. Da er selbst zur Schöpfung nicht taugt, wirft er sich zum Haremswächter auf (…). Gemeinhin hat der Kritiker damit angefangen, Bücher zu veröffentlichen, in denen er vielleicht sein Französisch unter Beweis hat stellen können, die aber weder Dramaturgie noch Charaktere bieten, Bücher bar allen Interesses.

Was Balzacs Typologie der Pariser Presse auszeichnet, sind Passagen wie die Zitierte. Er legt den Finger in die Wunde und benennt Dinge, die nicht von der Hand zu weisen sind, kombiniert mit Gehässigkeit, die auf die Dauer etwas enervierend, aber immerhin ausgezeichnet in Worte gegossen ist. Es steckt stets ein wahrer Kern in seinen überzeichneten Charakterisierungen. So ist es auch beim freien Journalisten,  der pro Zeile bezahlt wird und den Balzac (soviel kann ich nicht zuletzt aus eigener beruflicher Erfahrung sagen) pointiert beschreibt:

Der Zeilenangler ist der Autor, der von der Zeile lebt wie der Angler von der Schnur. Tag für Tag bringt er die kostbarste Begabung auf, um eine Albernheit über ein oder zwei Spalten auszuwalzen (…).

Die Polemik Balzacs ist gewiss nicht mit den dumpfen Beschimpfungen zu vergleichen, die zunehmend in der Öffentlichkeit die Runde machen. Es wäre anachronistisch seine Kritik an Opportunismus und Heuchelei mit dem von rechts außen kolportierten Propaganda-Wort der Lügenpresse zu vermengen. Aber es zeigt, dass die Medien schon vor knapp 200 Jahren einen schweren Stand hatten und schon immer von denen diskreditiert wurden, denen die Tonalität der Artikel nicht behagte. Es sind nicht zuletzt die Verrisse seiner eigenen Werke, die Balzacs Zorn erregten.

Komplettiert wird die Typologie der Pariser Presse von einem kundigen Nachwort, das hilft, den Text besser zu verstehen, und einigen Briefen Balzacs, zum Beispiel sein Plädoyer für die Etablierung eines Urheberrechts.

Unter folgendem Link bietet der Verlg eine Leseprobe.

Verlag: Manesse
ISBN: 978-3-7175-2382-6
Erscheinungsjahr: 2016
Preis: € 19,95

 

 

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