Kamel Daoud: Der Fall Meursault

Kamel Daoud: Der Fall Meursault

1942 hatte Albert Camus Der Fremde veröffentlicht. Ein Roman mit Weltgeltung, ein Hauptwerk des Existenzialismus und eine Erzählung, die das Lethargische und die Ennui des Protagonisten wunderbar einfängt und in Prosa übersetzt. Der eigentliche Handlungsstrang ist rasch erzählt: Camus „Fremder“ tötet einen namenlosen Araber. Aber es ist eine Erzählung aus Sicht der französischen Kolonialherren und Kamel Daoud stellt vierzig Jahre später eine Erzählung aus algerischer Perspektive entgegen. Seine Geschichte ist die des Bruders des Ermordeten und dessen Leben nach dem Verbrechen.

Man kann Der Fall Meursault nicht verstehen, wenn man nicht Camus vor Augen hat. Daher empfiehlt es sich, Der Fremde noch einmal aus dem Bücherschrank zu kramen, um zu begreifen, wie Daoud auf diesem Roman aufbaut.

Camus erzählt von dem Algerier Meursault, der introvertiert, emotionslos und phlegmatisch seine Tage im Algerien der 1930er Jahre totschlägt. Selbst die Beerdigung seiner Mutter erlebt er gelangweilt. Meursaults Nachbar Raymond Sintès, ein Zuhälter, freundet sich mit ihm an und hilft ihm eine Araberin anzulocken. Am Strand kommt es schließlich zu einer Schlägerei mit dem Bruder der Frau und dessen Freunden. Kurze Zeit später sieht Meursault abermals einen Mann aus dieser Gruppe am Strand. Die Messerklinge reflektiert das Sonnenlicht. Meursault wird geblendet. Er umklammert den Revolver in seiner Tasche und schießt. Dann folgt ein zweiter Schuss. Ein Dritter. Ein Vierter. Die Sprache, mit der Camus diese Situation beschreibt, ist so meisterhaft, dass man selbst das Salz auf der Haut zu spüren meint.
Im selben Augenblick rann mir der Schweiß, der sich in meinen Brauen gesammelt hatte, auf die Lider und bedeckte sie mit einem lauen, dichten Schleier. Meine Augen waren hinter diesem Vorhang aus Tränen und Salz geblendet. Ich fühlte nur noch die Zymbeln der Sonne auf meiner Stirn und undeutlich das leuchtende Schwert, das dem Messer vor mir entsprang. Dieses glühende Schwert wühlte in meinen Wimpern und bohrte sich in meine schmerzenden Augen.
Im zweiten Teil des Romans wird Meursault verhaftet und es folgt ein Prozess, dem er genauso gleichgültig gegenübersteht wie seiner eigenen Existenz: Meursault ist sich selbst entfremdet.

In seiner Replik greift Daoud bewusst Motive von Camus auf und verkehrt sie ins Gegenteil. Der Fremde beginnt mit den Worten: „Heute ist Mutter gestorben. Oder vielleicht gestern, ich weiß es nicht.“ Beim Fall Meursault lautet der erste Satz: „M’ma lebt – immer noch.“ Während die Mutter bei Camus nur ein Instrument ist, die Ennui des Fremden zu illustrieren, wird sie bei Daoud zu einer zentralen Person, die das Handeln des Protagonisten maßgeblich beeinflusst. Diese Verzahnung mit dem Werk Camus und die algerische Sicht auf die französischen Kolonialherren machen das Buch so reizvoll.

Daoud lässt den Bruder des damals Ermordeten – er gibt ihm den Namen Moussa – in der Bar seine Lebenserinnerungen erzählen und wählt ebenfalls die Perspektive des Ich-Erzählers. Dieser berichtet von seiner Wut auf den französischen Autor (d.h. Camus), der die Geschichte niedergeschrieben hat und dem es durch die Kraft seiner Sprache gelungen ist, dass die ungeheure Tat neben der Poetik verblasste. Dass der Tote bei Camus keinen Namen hat, ja dass das Opfer irrelevant ist, wird als Symbol kolonialer Arroganz gewertet. Wie fremd der Täter seinem Leben und seiner Tat gegenübersteht, ist für Daouds Protagonisten unerträglich.

Es ist der Franzose, der da den Toten spielt und sich lang und breit darüber auslässt, wie er seine Mutter verloren hat, wie er dann seinen Körper unter der heißen Sonne verloren hat, dann den Körper einer Geliebten verloren hat, dann in die Kirche gegangen ist, um festzustellen, dass der Mensch sowieso von seinem Gott verlassen wurde, dann vor dem Leichnam seiner Mutter gewacht und sich mühsam wach gehalten hat usw. Guter Gott, wie kann man jemanden nur umbringen und dann auch noch seines Todes berauben? Mein Bruder hat die Kugeln abbekommen, nicht er!

Wer Camus gerne gelesen hat, für den ist es interessant, wie Daoud mit dem Stoff umgeht und weiterentwickelt. Das kleine Büchlein lebt von seiner Sprache, nicht von dem Spannungsbogen, ist aber auf jeden Fall eine gute Wahl.

Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Preis: 9,99 € (Taschenbuch)
Seiten: 208

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