Paul Auster: 4321

Paul Auster: 4321

1.264 Seiten umfasst Paul Austers Mammutwerk 4321. Ein gewaltiger Umfang, so dass man sich etwas an Marcel Reich-Ranicki erinnert fühlt, der (unter Verweis auf Hans Magnus Enzensberger) einmal scherzte:  „Alle Bücher sind zu lang, mit Ausnahme von Telefonbüchern“. Trotz des respektablen, unhandlichen Gewichts lesen sich die vier Leben des Archie Ferguson aber äußerst kurzweilig, so dass das Buch zwar lang, aber nicht zu lang ist.

Paul Auster erzählt den Lebensweg von Archie Ferguson, Nachfahre jüdischer Einwanderer, auf vierfache Weise. Die Geschichte ist in den 1950er bis 1960er Jahren angelegt, so dass die Hoffnung in und das Attentat auf John F. Kennedy, die amerikanische Friedensbewegung und der Vietnam-Krieg bestimmende Faktoren in Archies Leben darstellen. Konstante bei allen vier Variationen des einen Lebens ist, dass Archie in Newark aufwächst und sein Vater mit Three Brothers Homeworld ein Möbelgeschäft leitet. Krakenartig verzweigt sich Archies Leben von hier an in verschiedene, imaginäre Richtungen. Auster beschreibt das wie folgt:

Identisch, aber verschieden, soll heißen, vier Jungen mit denselben Eltern, demselben Körper und demselben genetischen Material, aber jeder mit seinem je eigenen Gefüge von Umständen in einem anderen Haus in einer anderen Stadt lebend. Von den Auswirkungen dieser Umstände hierin und dahin gedreht, würden die Jungen sich im Fortgang des Buches auseinanderentwickeln, würden als immer unterschiedlichere Charaktere durch Kindheit, Jugend und Mannesalter krabbeln, gehen oder galoppieren, jeder auf seinem eigenen, separaten Weg, und doch als immer derselbe Mensch, drei imaginäre Versionen seiner selbst (…).

Wer kennt sie nicht die Frage, ob das eigene Leben, hätte man eine wichtige Weiche anders gestellt, sich vielleicht in eine komplett andere Richtung entwickelt hätte? Genau dieser Frage nimmt sich Auster in seinem Roman, der gewiss auch in hohem Maß autobiographische Züge enthält, an. Was ist es eigentlich, das den eigenen Lebensweg bestimmt? Genetik? Zufälle? Charakter? Warum ist Archie in einem Leben glühender Anhänger von John F. Kennedy und in einem anderen politisch desinteressiert? Warum steht der eine politisch links, der andere politisch rechts? Im Kern geht es  um die alte Frage, inwieweit wir in unseren Entscheidungen frei oder vorherbestimmt sind und woher unsere Überzeugungen kommen.

So unterschiedlich die vier Archies auch sind, in ihrem Charakter, ihrer Denkweise oder auch in ihrer sexuellen Orientierung, konnte sich Auster offenbar nicht vorstellen, dass Archie in einer Variation desinteressiert an Kultur sein könnte. Die Liebe zur Literatur ist das gemeinsame Band, das alle vier Leben durchzieht.

Verlag: Rowohlt Verlag
ISBN: 9783498000974
Umfang: 1.264 Seiten
Preis: 29,95 €

 

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