Gilbert Adair: Blindband

Gilbert Adair: Blindband

Ich bin wirklich froh eines schönen Tages über Gilbert Adair gestolpert zu sein, nicht nur wegen der Evadne Mount-Trilogie, sondern auch wegen einer Perle wie Bildband. Die Geschichte des blinden Autoren und seines Gehilfen kommt gänzlich ohne szenische Beschreibungen aus und lebt rein von seinen Dialogen.

Es ist ein stürmischer Abend, an dem Sir Paul, ein einsamer, erfolgreicher und vermögender Schriftsteller, den jungen John Ryder einstellt, damit er ihm beim Schreiben seines neuen Buches hilft. Während seiner Tätigkeit soll Ryder auch bei dem alten Mann wohnen – in einem einsamen Herrenhaus in tiefster englischer Provinz. Sir Paul will ihm seine Autobiographie diktieren, weil er sie selbst nicht mehr schreiben kann. Seit einem Autounfall ist er erblindet und auf Hilfe angewiesen.

Die Atmosphäre in dem Buch ist von Anfang an befremdlich, zuweilen auch grotesk. Das Unheil liegt bereits von Beginn an in der Luft, ohne dass man es an etwas Konkretem festmachen könnte. Im weiten Verlauf scheint sich die düstere Vorahnung zu bewahrheiten, denn es häufen sich irrwitzige Vorfälle, die auf ein sadistisches Spiel schließen lassen. Wer würde einen Blinden wegen eines Puzzles an der Nase herumführen? Wer würde ihm erzählen, Tony Blair sei an AIDS verstorben? Irgendetwas, ahnt der Leser, scheint den Schriftsteller und seinen Adlatus miteinander zu verbinden. Aber auch Sir Paul ist gewiss kein Sympathieträger, sondern verschlagen und arrogant. Spielt John Ryder überhaupt ein falsches Spiel oder bildet sich der alte Mann alles nur ein?

Was Blindband auszeichnet, ist nicht einmal der Plot an sich, der zum Ende leider etwas abfällt. Das Besondere ist, dass die Blindheit Sir Pauls die Erzählstruktur vorgibt. Aldair schreibt einen reinen Dialogroman, der ohne erklärende Worte auskommt und nur geringfügig von tagebuchartigen Einschüben Sir Pauls unterbrochen ist. Keine Stimmungen oder Zustände werden beschrieben, keine Physiognomien veranschaulicht. Als Leser sehen wir genausowenig wie der blinde Sir Paul  und dennoch hat man nie das Gefühl, dem Buch fehlt etwas Wesentliches.

Verlag: Edition Epoca (oder C.H. Beck)
Jahr: 1999 (Beck: 2008)
Umfang: 240

 

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s