Abir Mukherjee: Ein angesehener Mann

Abir Mukherjee: Ein angesehener Mann
Ich habe eine Schwäche für Romane und/oder Krimis, die in Indien spielen. Der exotische Touch und das indische Chaos bilden einen hervorragenden Rahmen, für Ermittlungen mit einem leicht humoristischen Einschlag. Was bei dem indischen Privatdetektiv Vish Puri von Tarquin Hall geklappt hat, gelingt auch bei „Ein angesehener Mann“: der Auftakt für die Sam Wyndham-Reihe von Abir Mukherjee.

Der Autor reist mit uns nach Kalkutta im Jahr 1919. Der Erste Weltkrieg ist vorbei und die britischen Kolonialherren versuchen die indische Unabhängigkeitsbewegung unter Kontrolle zu halten. Selbstgefällig aalen sich die korrumpierten Briten in der vermeintlichen Gewissheit die höher entwickelte Rasse zu sein. In dieser Atmosphäre trifft der Weltkriegsveteran Sam Wyndham in Kalkutta ein. Er hat nichts viel zu verlieren: Seine Frau ist jung gestorben, er selbst abhängig von Opiaten und noch immer sieht er die Opfer in den Schützengräben vor seinem geistigem Auge sterben. Gleich sein erster Fall führt ihn zur Leiche eines hohen britischen Beamten, der im Hinterhof eines Bordells aufgefunden wird.

An dieser Stelle des Romans hatte ich die Befürchtung, dass mich Mukherjee mit den Drogenproblemen Wyndhams langweilt. Ich finde, er hat das Thema aber sanft integriert: das Motiv des von Privatproblemen zerfressenen Ermittlers ist auch zu abgedroschen für meinen Geschmack. Natürlich gerät Wyndham – nach dem Setting des Mordfalls kaum überraschend – in seinen Ermittlungen mit wichtigen Funktionären im britischen Polizei- und Staatsapparat aneinander, die ihm Steine in den Weg legen.

Was Wyndham von den anderen Briten unterscheidet, ist, dass er, der neu Zugereiste, noch nicht von dem allgegenwärtigen Rassismus ergriffen ist. Die Briten, erklärt ihm ein Bekannter an einer Stelle des Buches, würden durch ihre vermeintliche moralische Überlegenheit über Indien herrschen. Nur deshalb könnten so Wenige so Viele in Schach halten. Und genau deshalb sei es undenkbar, dass sich Briten von Indern Fehlverhalten nachweisen lassen würden.

Damit eine derart kleine Zahl über so viele herrschen kann, müssen die Herrschenden den Beherrschten eine Aura der Überlegenheit vorspiegeln. Nicht allein physische und militärische Überlegenheit wohlgemerkt, sondern auch moralische Überlegenheit. Vor allem aber müssen die Beherrschten von der eigenen Unterlegenheit selbst überzeugt sein. Sie müssen davon überzeugt sein, dass sie zu ihrem eigenen Vorteil beherrscht werden.
Wie stark diese Reflexe wirken, spürt Wyndham täglich. Doch er ist reflektiert genugt und erschreckt über sich selbst, als er seinen indischen Mitarbeiter übermäßig maßregelt. Auch wenn das Buch den Auftakt zu einer Reihe bildet, so zeigt sich doch, dass Wyndham in den kommenden Bänden umsichtiger durch Indien gehen wird als viele seiner Landsleute zu dieser Zeit.

Ein angesehener Mann macht Spaß zu lesen – nicht so sehr wegen der Kriminalgeschichte, die nach bekanntem Muster verläuft, sondern weil Mukherjee einen spannenden Eindruck vom Indien der 1920er Jahre vermittelt.

Verlag: Heyne
Preis: 9,99 € (Taschenbuch)
Erscheinungsjahr: 2017
ISBN: 978-3-453-42173-8

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