Heinz Strunk: Der goldene Handschuh

Heinz Strunk: Der goldene Handschuh
Just in dem Moment, da ich Strunks Der goldene Handschuh zugeklappt hatte, las ich, dass das Buch für die Theaterbühne adaptiert worden ist – ein Zufall, schließlich ist das Werk bereits 2016 erschienen und hat erst jetzt den Weg in meinen Bücherschrank gefunden. Mich hat das Buch mit dem Gefühl des Angeekelt-Seins zurückgelassen, was nicht an der literarischen Qualität des Werkes an sich liegt, sondern vom Autor durchaus gewollt ist.

Strunk erzählt die Geschichte des Mörders Fritze „Fiete“ Honka, der in den 1970er Jahren mehrere Frauen ermordet und verstümmelt hat. Einen wesentlichen Bezugspunkt in seinem Leben bildet „Der goldene Handschuh“, eine Kneipe in St. Pauli, in der kaputte Existenzen sich die Klinke in die Hand geben. Gesoffen wird dort Abend für Abend bis zur totalen Besinnungslosigkeit und die Menschen dort bilden für Fiete die einzigen sozialen Kontakte.

Strunk ergänzt die (historische) Geschichte um Fiete um einen zweiten Handlungsstrang. Dieser erzählt von einer alteingessesenen, reichen Hamburger Reederfamilie, die zwar am anderen, oberen Ende der Einkommensskala steht, im Grund aber genauso verkommen und emotional verroht ist wie alle anderen Säufer im Goldenen Handschuh. Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich auch der Reeder gerne in der Kneipe aufhält, in der er unerkannt trinken kann, um die Abscheu vor sich selbst zu ertragen.

Es gibt eine Phase in Honkas Leben, in der er wieder ein Job hat und ernsthaft bemüht ist weniger zu trinken. Geradezu naiv träumt er von einer bürgerlichen Existenz. Der Leser solidarisiert sich eigentümlicherweise mit dem Antihelden und wünscht ihm, dass er sich mit eigener Kraft aus seinem Sumpf befreien kann. Auf diesen Seiten integriert Strunk, der für seine Arbeit auch bis dato unter Verschluss gehaltene Akten einsehen durfte, Erinnerungen Honkas, die nachvollziehbar machen, warum er so seelisch zerstört ist. Dennoch – und das ist die Leistung des Schriftstellers in diesem Moment – beschreiben diese Erinnerungen lediglich und dienen nicht als platte Rechtfertigung seiner Taten.

Versteht man nach vollbrachter Lektüre was Honka antrieb? Weshalb er die Frauen tötete? Strunk charakterisiert Honka nicht als Serientäter, der nach einem durchdachten Plan handelt. Vielmehr erscheinen die Morde aus einem Affekt begangen worden zu sein. Im Akt des Tötens hat der von jedem getretene und misshandelte Honka auf einmal Macht. Wie ungeplant er agiert zeigt bereits, dass er die Leichen in seiner Wohnung versteckte und den bestialischen Gestank mit Duftsteinen zu überdecken versuchte. Auf die Frage, weshalb es bei ihm so stinke, antwortete er stets, dass unter ihm Ausländer, Griechen, wohnen würden.

Die Sprache, die Strunk verwendet, ist drastisch. Sie entstammt dem Milieu, in dem seine Protagonisten handeln. So wimmelt es im Buch in Passagen wie diesen:

Er schläft mehr als er wach ist, seine Schenkel sind wundgerieben vom In-die-Hose-Pissen. Manchmal rüttelt ihn der Kellner, ob noch Leben in ihm ist. Leiche hat dreizehn Jahre gesessen, wegen Mordes, als ihn mal jemand fragte, was für einer, hat er ‚heimtückischer‘ geantwortet. (…)
Der Schiefe nuschelt weiter: ‚Dann hat sie gesagt, ich will dich ficken, es ist wegen deim Gesicht. Ich will es mit meiner Fotze ruinieren oder meim Arsch… guck dich doch mal um, es gibt so viele Ärsche auf der Welt wie Gesichter (…).

Harmlos ist es dagegen, wenn Cola der Zeit entsprechend als „Braun’sche Röhre“ bezeichnet wird oder jedermann in der Kneipe „Fako“ trinkt, ein Fanta-Korn-Gemisch. Doch die vielen expliziten Formulierungen erfüllen einen wesentlichen  Zweck. Nur weil sie Strunk authentisch wiedergibt, kann er begreiflich machen, was für ein Mensch Fritz „Fiete“ Honka war.

Verlag: Rowohlt
Erscheinungsjahr: 2016
Seiten: 252
ISBN: 978 3 498 06436 5

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