Sarah Bakewell: Wie soll ich leben? Oder das Leben Montaignes in einer Frage und 20 Antworten

Sarah Bakewell: Wie soll ich leben? Oder das Leben Montaignes in einer Frage und 20 Antworten

Dass sich Bücher nicht nur über ihren Inhalt verkaufen, sondern in erster Linie über ihr Cover, ist kein Geheimnis. Bei den Werken, die von Sarah Bakewell bei C.H. Beck erschienen sind, hat mich die Gestaltung so begeistert, dass ich gar nicht anders konnte, als sie mitzunehmen. Der Blick auf das Cover von Wie soll ich leben? Oder das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten verspricht eine informative, aber kurzweilige Schilderung des Lebens des großen Essaisten.

Die Essais Michel Eyquem de Montaignes (1533-1592) sind wohl den meisten ein Begriff; die wenigsten – ich eingeschlossen – haben sie wirklich gelesen. In 20 Kapiteln nimmt Bakewell den Leser mit auf eine Reise durch das Werk und das Leben des exzentrischen, aber durchaus sympathischen Schriftstellers.

Montaigne wird als Adliger im Périgord geboren; nahe Bordeaux, dessen Bürgermeister er im Laufe seines Lebens war. Es sind unruhige Zeiten: Immer wieder wüten Pestepidemien, die auch seinem besten Freund das Leben kosten. Rührend sitzt er an dessen Sterbebett und riskiert, sich selbst mit dem schwarzen Tod anzustecken. Regelmäßig flackern die Bürgerkriege zwischen Protestanten und Katholiken auf, die die ganze Nation lahmlegen. Marodierende Banden lassen jeden Ausritt zur Gefahr für Leib und Leben werden. Der Schrecken jener Zeit gipfelt in der Bartholomäusnacht und den beispiellosen Gewaltexzessen gegenüber den Hugenotten.

Montaigne_1578Montaigne wächst als Landadeliger behütet auf und erhält eine ins Extrem gesteigerte humanistische Bildung, so dass Latein seine eigentliche Muttersprache wird und jeder im Schloss angehalten war, in dieser Sprache mit ihm zu reden. Er liest die antiken Klassiker, die in seinen Essais eine wichtige Rolle spielen. Doch anders als sein Vater geht es ihm nicht um Bildungsprahlerei. Er wendet sich ab von der Vorstellung, große Bibliotheken aus intellektueller Eitelkeit zu besitzen. Und er hält sich bewusst raus aus den kriegerischen Konflikten seiner Zeit. Er will bloß seine Ruhe haben, um in seinem Turmzimmer Essais zu schreiben.

Die Essais, wie Bakewell darlegt, sind chaotisch. Schnell verliert er den roten Faden, es fehlt inhaltliche Stringenz. Montaigne schweift von einem Thema ab, dann gelangt er wieder zum Kern zurück, um sich erneut anderen Gedanken zuzuwenden. Er ist kein systematischer, stringenter Denker. Meist geht er von Passagen klassischer Autoren aus und verknüpft sie mit seinen persönlichen Erfahrungen, Gefühlen und Eindrücken. Für das 16. Jahrhundert war dies revolutionär, denn es galt als ganz und gar unschicklich, sich als Autor so sehr in den Vordergrund zu stellen. Trotz alledem sind die Essais zeitlos wie nicht viele Werke. Montaigne ist ein Skeptiker, der alles in Frage stellt und die Welt mit den Augen eines Kindes betrachtet, das aus dem Staunen nie raus kommt. Er gewährt Einblicke in sein Seelenleben und stellte sich dieselben Fragen, die den modernen Menschen auch beschäftigen: Wie soll ich leben? Was ist Freundschaft? Wie soll ich lieben?

Auf den rund 400 Seiten vermittelt Bakewell einen umfassenden Eindruck vom Leben Montaignes, nur für die Essais selbst habe ich noch kein wirkliches Gefühl entwickeln können. Hier hätte ich mir gewünscht, dass sie großzügiger zitiert. Das kann man als Nachteil sehen, oder positiv gewendet, als Anreiz, sich selbst damit auseinanderzusetzen. Ich habe ein Auge auf die leider nicht ganz billige Gesamtübersetzung geworfen, die in der Reihe „Die andere Bibliothek“ erschienen ist. Wer etwas weniger Geld investieren will, sollte hiermit gut bedient sein.

Addendum 1: Von Sarah Bakewell ist ein ebenfalls sehr empfehlenswertes Werk über den Existenzialismus erschienen: Das Café der Existenzialisten: Freiheit, Sein und Aprikosencocktails (C.H. Beck, 2017). Da die Kapitel über die Heidegger und die Phänomenologie allerdings recht komplex sind, ist das Werk über Montaigne deutlich einfacher zu lesen.

Addendum 2: Montaigne gehörte ein Weingut, das noch immer existiert. Wer die Lektüre also – was könnte passender sein? – mit einem Wein aus dem Chateau Montaigne kombinieren will, wird hier fündig.

Verlag: C.H. Beck
ISBN:
978-3-406-69780-7
Erscheinungsjahr:
2016
Umfang:
416 Seiten
Preis:
16,95 €

 

 

 

 

 

 

 

 

2 Gedanken zu “Sarah Bakewell: Wie soll ich leben? Oder das Leben Montaignes in einer Frage und 20 Antworten

  1. Danke schön für die Vorstellung dieser Montaigne-Biografie. Im Freundeskreis haben wir die oben genannte Auswahl der Essays gelesen: Michel de Montaigne, Von der Kunst, das Leben zu lieben. Übersetzt, ausgewählt und herausgegeben von Hans Stilett, Eichborn, Berlin 2005, 300 Seiten.
    Ich zitiere hier einfach mal das Inhaltsverzeichnis: Vorwort des Herausgebers: Das große Ja; Lachend die Wahrheit sagen, Lesen, Lieben, Freundschaft und Geselligkeit pflegen, Reisen, Essen und Trinken, Tanzen, Mode und Luxus mit Augenmaß genießen, Mit Geld vernünftig umgehen, Praxisbezogen Philosophieren, Der eignen Erfahrung vertrauen, Schlafen und Träumen, Kultur und Kunstsinn der „Wilden“ bewundern, Lehrmeister Tier folgen, Krankheiten höflich behandeln, Den Tod nicht fürchten. Ausführliche Inhaltsübersicht.
    Die ausgewählten Texte setzen sich jeweils aus Auszügen von zwei bis drei ursprünglichen Essays zusammen und geben recht ansprechend wieder, wie Montaigne geschrieben hatte: Zitate von klassischen Philosophen und Poeten verbinden sich mit Beobachtungen aus der reichen Lebenserfahrung und führen zu klugen Gedanken und Reflexionen. Die durchgehend heitere Gelassenheit finde ich überzeugend, und sie macht das Buch sehr lesbar.
    Schöne Grüße, Bernd

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s