Françoise Frenkel: Nichts, um sein Haupt zu betten

Françoise Frenkel: Nichts, um sein Haupt zu betten
Kann ein Buch, das die Flucht einer polnischen, frankophilen Jüdin erzählt, erbauend sein? Den Leser mit einem guten Gefühl zurücklassen? Erstaunlicherweise Ja. Françoise Frenkels Bericht, der von der Gründung der ersten französischen Buchhandlung in Berlin-Charlottenburg bis zur Flucht in die sichere Schweiz 1943 reicht, ist unbedingt zu empfehlen. Nicht zuletzt, weil er lehrt, dass es Güte auch in dunkeln Zeiten gibt.

Frenkel gründet nach dem Ersten Weltkrieg das La Maison du livre française zusammen mit ihrem Mann und wird schnell zu einer festen Größe in der frankophilen Kulturszene. Sie avanciert zu einer wichtigen Botschafterin Frankreichs, obwohl sie ja Polin war, und wird sowohl vom französischen Staat, als auch den Verlegern protegiert. Ihr Mann, der im Buch überhaupt keine Rolle spielt, verlässt Deutschland bereits 1933, während sie vorerst in Berlin bleibt. Er wird 1942 nach Auschwitz deportiert.

Dass Frenkel eine wahre Bibliophile ist, zeigt sich in der Wehmut, mit der sie sich an die Bouquinisten von Paris erinnert.  Zu Beginn des Buches denkt sie ihre Studienjahre, die sie auf den Quais der Seine verbracht hatte. Doch als Buchhändlerin in Berlin entwickelt sie schnell ein Verständnis für die unausgesprochenen Wünsche ihrer Kunden. Sie beschreibt das in geradezu zärtlichen Worten.

Nach der Art, wie jemand einen Band in Händen hielt, beinah zärtlich, wie er behutsam darin blätterte, die Seiten ehrfüchtig las oder nur hastig, achtlos umschlug und das Buch anschließend wieder auf den Tisch legte, manchmal so nachlässig, dass die Ecken, dieser so empfindliche Teil, umgeknickt waren, gelang es mir mit der Zeit, einen Charakter, eine Seelen- und Geistesverfassung zu durchschauen. Ich legte das Buch, das ich für geeignet hielt, eher unauffällig in die Nähe des Lesers, denn er sollte sich nicht von einer Empfehlung beeinflusst fühlen. Entsprach es seinen Vorstellungen, war ich überglücklich.
Aber nach der Reichskristallnacht wird Frenkel der Boden zu heiß. Sie flieht nach Paris, als dort noch niemand an den bevorstehenden Krieg glauben wollte. Als die Deutschen kommen, flieht sie über Avignon nach Nizza und befindet sich damit im Hoheitsgebiet des mit den Nazis kollaborierenden Vichy-Regimes. Zunächst kann sie sich noch frei bewegen, doch schnell wird die Lage für Juden immer gefährlicher, so dass sie abtauchen muss. Es beginnt eine Odyssee: von einem Versteck zum anderen, in der dauernden Angst, entdeckt und deportiert zu werden.

Sie trifft französische Kollaborateure, glühende Antisemiten und Betrüger, die ihr das Geld aus der Tasche ziehen. Aber sie lernt auch Menschen kennen, die Leib und Leben riskieren, um der verfolgten Frau, die sie kaum kennen, aufopferungsvoll und selbstlos zu helfen. Allen voran das Ehepaar Marius, das ein Friseurgeschäft in Nizza betrieben hatte. Mehr aus Zufall sucht sie in ihrem Laden Unterschlupf, um sich vor Polizisten zu verstecken. Die Ergebenheit, mit der das Ehepaar ihr immer wieder hilft, bis sie es sicher über der Grenze geschafft hat, ist rührend.

Erbauend ist die Geschichte nur deshalb, weil sie für Françoise Frenkel einen glücklichen Ausgang gefunden hat. Beim Lesen musste ich mir immer wieder die Frage stellen, mit welchem Gefühl ich das Buch beendet hätte, wenn sie am Ende doch in ein KZ verschleppt worden wäre? Wenn ihre niedergeschriebenen Erinnerungen das einzige gewesen wären, was den Zweiten Weltkrieg überlebt hätte?

Hanser hat die deutsche Übersetzung mit einem Vorwort von Nobelpreisträger Patrick Mondiano herausgebracht, das viel Sympathie für den Text erkennen lässt. Seine kurze Einführung gibt einen guten Eindruck über die Entstehungs- und Publikationsgeschichte. Das Vorwort verrät, dass nur sehr wenig über Frenkels Leben nach der Abschrift ihres Manuskripts am Ufer des Vierwaldstädter Sees bekannt ist. Eine letzte Spur verliert sich 1958, als sie einen Antrag auf Entschädigung für den Verlust ihrer Überseekoffer gestellt hatte. Doch ich folge Mondiano, wenn er fragt, ob die Besonderheit des Buches nicht auch darin liege, die Autorin nicht genau identifizieren zu können? „Dieses Zeugnis über das Leben einer verfolgten Frau im Süden Frankreichs und in der Haute-Savoie während der Besatzungszeit ist umso beeindruckender, als es das Zeugnis einer Anonyma zu sein scheint (…)“.

Empfehlenswert ist auch das Interview mit der Übersetzerin Elisabeth Edl.
Eine Lesesprobe des Buches gibt es hier.

Verlag: Hanser Literaturverlage
Seiten: 288
Preis: 10 € (Taschenbuch)

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