Juli Zeh: Leere Herzen

Juli Zeh: Leere Herzen

Juli Zeh ist eine sichere Bank. Alles, was ich bisher von ihr gelesen habe, war immer gut beobachtet und schön zu lesen. Unterleuten fand ich fantastisch. Doch Leere Herzen lässt mich etwas unbestimmt zurück. Die Grundidee finde ich sehr gelungen, auch wartet die Geschichte mit einigen interessanten Facetten auf, die sie lesenswert machen, aber insgesamt vermag das Buch mich nur mit Einschränkungen zu begeistern.

Dystopien sind eine sehr spannende Romangattung und ein faszinierendes Mittel, um die Wirklichkeit zu spiegeln. Und sie erleben gerade ein Revival. George Orwells 1984 wird mehr denn je gelesen. Mit Margaret Atwoods Report der Magd verhält es sich ganz genauso. Es wundert also nicht, wenn eine Autorin wie Juli Zeh eine eigene Dystopie schreibt. Ihre Romanhandlung verlegt sie in die nahe Zukunft: Deutschland im Jahr 2025.

Die Besorgte Bürger Bewegung (BBB), hinter der sich kaum verhohlen die Konturen der AfD zeigen, hat die Macht übernommen. Regula Freyer ist Angela Merkel als Bundeskanzlerin nachgefolgt – ein wunderbar sprechender Name. Regula (= die kleine Königin) und der Nachname Freyer (= frei) bilden ein schönes Antonym. Die EU ist bis 2025 weiter zerfallen, während Demokratie und Rechtsstaat durch die BBB scheibchenweise unterhöhlt werden. Geschickt flechtet Zeh immer wieder ein, welches „Effizienz-Programm“ die Partei gerade umsetzen möchte. Alle zielen letztlich nur darauf ab, ihre Macht zu festigen.

Die zweifelhafte Heldin in Leere Herzen heißt Britta. Zusammen mit ihrem Geschäftspartner Babak vermittelt „Die Brücke“ Selbstmordattentäter an Gruppierungen, die auf sich aufmerksam machen wollen. Zum Beispiel radikale Umweltschützer. Nachdem 2025 der islamistische Terrorismus vollständig versiegt ist und keiner mehr auf die Idee käme, freiwillig in den Tod zu ziehen, hat sie eine Marktlücke aufgetan. Sie vermittelt – natürlich illegal – Menschen, die sich ohnehin umbringen wollen, und auf diese Weise mit einem lauten Knall abtreten wollen. Zuvor haben die Kunden ein komplexes Profiling durchlaufen. Mit allen Raffinessen stellt die „Die Brücke“ sicher, dass die suizidalen Fantasien so massiv sind, dass die Kandidaten nicht in letzter Sekunde kneifen.

In diesem perversen Geschäftsmodell spiegelt sich wie in einem Brennglas die kaum zu ertragende Langeweile und Depression der Mittelschicht der Zukunft. Viel nihilistischer kann ein Unternehmen nicht ausgerichtet sein. Und Britta verkörpert dieses lakonische Desinteresse an ihrer Umwelt mit jeder Faser ihrer Persönlichkeit. An einer sehr bezeichnenden Stelle im Roman fragt Britta ihre Freundin, ob sie ihr Wahlrecht für eine Waschmaschine aufgeben würde. Die Frage ist absurd, aber dass sie mit viel Ernsthaftigkeit überhaupt gestellt wird, sagt bereits alles über die Geisteshaltung aus.

Es gibt mehrere Passagen, in denen Juli Zeh selbst durchklingt, und die sich dann so lesen.

Sie malt sich aus, wie ein Sturm der Erneuerung durchs Land fegen wird, der nicht nur die BBB-Elite mit sich reißt, sondern auch jene Anhänger, jene notorischen Nörgler, die seit Jahrzehnten mit ihrer Missgunst und Kleinkariertheit an den Fundamenten der Demokratie graben. Die das Internet in eine Schlammschleuder verwandelt haben, die nur glücklich sind, wenn sie auf andere herabschauen können. Die sich und ihre kindischen Bedürfnisse über alles stellen. Die lieber simplen Verschwörungstheorien glauben, als sich mit der komplizierten Wahrheit auseinanderzusetzen. Die ständig fordern, dass sich etwas ändern muss, und durchdrehen, wenn jemand Vorschläge macht.

Die Gesellschaftsanalyse der Autorin halte ich für zutreffend und ich denke auch, dass die schleichende Ent-Demokratisierung ein ernstzunehmendes Risiko ist. Doch leider ist das Buch zuweilen etwas moralinsauer. Mehr Abstraktion von der Gegenwart hätte dem Roman gut getan. Die an sich politische richtige Moral, die in Leere Herzen steckt, wird dem Leser so platt um die Ohren gehauen, dass er Kopfschmerzen bekommt. Dadurch ist leider das große Potential der Story etwas verschenkt worden. Wenn die Autorin das besser gelöst hätte, hätte ich auch mit dem Ende des Buches  leben können, dass alles in allem zu dick aufgetragen ist.

Dennoch: Trotz seiner Schwächen ist es ein lesenswertes Buch, weil es sehr präzise analysiert, woran die Gesellschaft krankt und welche Gefahren sich daraus ergeben.

Verlag: Luchterhand
Umfang: 352 Seiten
Preis: 20 € (Gebundene Ausgabe)

Ein Gedanke zu “Juli Zeh: Leere Herzen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s