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Zygmunt Bauman: Retrotopia

Zygmunt Bauman: Retrotopia

Immer wieder in der Geschichte haben sich Menschen überlegt, wie der ideale Staat aussehen könnte. Sie haben Utopien geschrieben, die davon erzählen, wie er in ferner Zukunft oder in fernen Ländern verwirklicht ist. Man mag darüber streiten, ob Platons Politeia eine Utopie in diesem Sinne ist. Ganz sicher ist es aber bei Thomas Muros Utopia und Der Sonnenstaat von Campanella der Fall. In Retrotopia wiederum fragt sich Zygmunt Bauman, weshalb die Menschen diesen Zukunftsglauben verloren haben, und sich stattdessen in die Illusion einer verklärten Vergangenheit flüchten.

Retrotopia ist das letzte Buch des polnischen Soziologen Zygmunt Bauman, der 2017 verstorben ist. Es ist die analytische Antwort auf ein Zeit, in der Politik und Gesellschaft nicht mehr davon träumen, etwas zu erschaffen, sondern etwas verloren Geglaubtes wieder zu erlangen. In aller Schärfe zeigt sich das Phänomen in Donald Trumps Leitspruch „Make America great again“. Es geht eben nicht darum, die Zukunft zu gestalten, sondern die Vergangenheit wieder rekonstruieren. Die Afd agitiert in ähnlicher Weise, indem sie „Hol dir dein Land zurück“ plakatiert und suggeriert, als wäre es den Deutschen entrissen geworden und als wäre hier der alleinige Grund für alle sozialen und politischen Probleme zu suchen.

Bauman stellt sich die Frage, wie es dazu gekommen ist. Eine Antwort findet er im Scheitern der Erlösungsfantasien des 20. Jahrhunderts. Kommunismus und Faschismus gaben Heilsversprechen ab, denen die Menschen bereitwillig gefolgt sind. Und jetzt? Es gibt keinen topos mehr in der Zukunft, nur noch in der Vergangenheit: den retro-topos.

Übrig geblieben ist Nostalgie. Das diffuse Gefühl, dass früher alles besser war. Deshalb flüchten sich die Menschen, so Bauman, in Konstrukte aus früheren Epochen. Stämme und Nationen werden in der globalisierten Welt wieder interessant. In Zeiten unkontrollierter Migrationsbewegungen lassen sich die Menschen von dem Lockruf geschlossener Grenzen becircen. Nationen und ihre Pseudo-Sicherheiten sind in seinen Augen „Produkte des allzumenschlichen Bedürfnisses, das Unverständliche fernzuhalten und damit die Lebensbedingungen auf ein menschlichem Sinnen und menschlichem Verstand begreif- und verarbeitbares ‚vernünftiges‘ Maß an Komplexität zu reduzieren.“

Für die Sehnsucht nach der Vergangenheit hat Bauman nur Verachtung übrig. Nostalgie habe noch im 17. Jahrhundert als Krankheit gegolten, gegen das man Blutegel empfohlen habe, spottet er. Die Attraktivität des Gewesenen hat nichts mit Tatsachen gemein. Es sind nur soziale Ungerechtigkeiten und das Gefühl der Überforderung in einer globalisierten Welt, die Nostalgie so attraktiv machen. Der irrige Glaube, dass die Welt früher gerechter, aber vor allem einfacher und übersichtlicher war.

Wer dem Phänomen auf die Spur kommen will, trifft mit Bauman eine gute Wahl. Er erklärt auf einer Metaebene, weshalb rechte Agitatoren so erfolgreich sind. Doch die Lektüre ist nicht immer einfach und zuweilen schwer zu lesen. Vorwissen und eine solide philosophische Bildung, um die Autoren auch selbst zu einordnen zu können, auf die er sich bezieht, halte ich für hilfreich.

Verlag: Suhrkamp (Detailinformation hier)
Preis: 16 Euro
Umfang:
220 Seiten
Erscheinungsjahr: 2017

 

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